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Exkursion in psychosomatische Fachjournale
Für Sie gelesen – Auf dieser Seite nimmt Sie Prof. em. Alexander Kiss auf eine kleine Tour durch wissenschaftliche Journale mit. Er hat diesmal 4 Themen für Sie ausgewählt und kommentiert.Falls Sie am entsprechenden Originalartikel interessiert sind, dürfen Sie diesen bei Prof. Kiss direkt anfragen. Mail
Mehr infosEffekte von Freiwilligenarbeit im Alter
Yeung DY, Jiang D, Warner LM, Choi NG, Ho RTH, Kwok JYY, Chou KL. The effects of volunteering on loneliness among lonely older adults: the HEAL-HOA dual randomised controlled trial. Lancet Healthy Longev. 2025 Jan;6(1):100664.
Hintergrund: Die Studie untersucht, ob Freiwilligenarbeit die Einsamkeit von alten Menschen während der Covid Pandemie verkleinert.
Methoden: Teilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip entweder der Gruppe mit Freiwilligenarbeit (Training in Freiwilligenarbeit per Telefon) oder einer Kontrollgruppe zugeordnet. Vor dem Training (T1) und 6 (T2) und 12 Monate (T3) nach dem Training wurde die Einsamkeit mit standardisierten Fragebögen (20-item UCLA Loneliness Scale und De Jong Gierveld (DJG) Loneliness Scales) gemessen.
Ergebnisse: 185 Teilnehmer wurden der Gruppe mit Freiwilligenarbeit und 190 der Kontrollgruppe zugeordnet. Die Teilnehmer der Gruppe mit Freiwilligenarbeit berichteten über eine signifikante Abnahme von Einsamkeit (T1 zu T2) im Vergleich zu den Teilnehmern der Kontrollgruppe. Nach 12 Monaten (T3) nimmt die Einsamkeit wieder zu. Die Teilnehmer, die die Freiwilligenarbeit mit mehr als 2 Stunden pro Woche fortsetzten, berichteten über weniger Einsamkeit als die Teilnehmer die die Freiwilligenarbeit aufgaben.
Interpretation: Die Studie zeigt den Nutzen von Freiwilligenarbeit für die Verminderung von Einsamkeit von alten Menschen.
Kommentar (A. Kiss): Es lohnt sich, alte einsame Menschen zu Freiwilligenarbeit zu motivieren. Die Menschen, die dabei bleiben fühlen sich auch längerfristig weniger einsam. Einsamkeit ist ein Riesenproblem. Viele Studien berichten über einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit im Alter und erhöhter Morbidität und Mortalität. Die Entstehung eigener „Ministry of Solitudine“ (Ministerium der Einsamkeit) in Japan und Grossbritannien kann man so interpretieren, dass man sich der Grösse des Problems langsam bewusst wird…
Mehr infosCognitive Functional Therapy (CFT) bei chronischem Schmerz
Hancock M, Smith A, O’Sullivan P, Schütze R, Caneiro JP, Laird R, O’Sullivan K, Hartvigsen J, Campbell A, Wareham D, Chang R, Kent P. Cognitive functional therapy with or without movement sensor biofeedback versus usual care for chronic, disabling low back pain (RESTORE): 3-year follow-up of a randomised, controlled trial. Lancet Rheumatol. 2025 Nov;7(11): e789-e798
Hintergrund: Cognitive Functional Therapy (CFT) ist ein Therapieansatz bei chronischen Rückenschmerzen, der psychische und physische Faktoren zu integriert. CFT soll Patienten helfen schmerzbezogene Schonhaltungen und Verhaltensweisen zu überwinden. Die Wirksamkeit dieses Therapieansatzes ist für 12 Monate follow-up nachgewiesen, aber nicht für länger. Das Ziel der Studie war es, die Wirksamkeit von CFT mit und ohne Bewegungssensor (movement sensor biofeeback) nach 3 Jahren im Vergleich zu der üblichen Therapie nachzuweisen.
Methoden: Primärer Endpunkt war die schmerzbezogene Einschränkung der körperlichen Aktivität (Roland Morris Disability Questionnaire (0-24 scale) nach 3 Jahren. Der sekundäre Endpunkt war die Schmerzintensität nach 3 Jahren (VAS (0-10 scale)
Resultate: Die Gruppe mit CFT (mit und ohne Bewegungssensor) waren nach 3 Jahren weniger in ihrer körperlichen Aktivität eingeschränkt als die Gruppe mit der üblichen Therapie. Keine Unterschiede bestanden zwischen den CFT-Gruppen mit und ohne Bewegungssensor. Die Schmerzintensität nach 3 Jahren war in den CFT-Gruppen mit und ohne Bewegungssensor geringer als in der Gruppe mit üblicher Therapie.
Kommentar (A. Kiss): Ich kenne keine andere Langzeitstudie bei chronischen Rückenschmerzen mit ähnlichem Therapieerfolg nach 3 Jahren! Was ich nicht wusste: Die CFT wird von Physiotherapeuten durchgeführt und besteht nur aus 7 Therapiesitzungen mit einer Booster Sitzung nach einem halben Jahr.
Mehr infosCognitive Functional Therapy (CFT) aus Sicht der Physiotherapie
Simpson P, Holopainen R, Schutze R, O’Sullivan P, Kent P, Smith A. „Every patient teaches you something new“: experiences of physiotherapists delivering cognitive functional therapy for chronic, disabling low back pain in a randomised controlled trial. Disabil Rehabil. 2025 Jun;47(13):3375-3383.
Fragestellung: Welche Erfahrungen machen Physiotherapeuten mit Patienten, wenn sie CFT anwendeten.
Methodik: Qualitative Studie (Reflexive Thematic Analysis). Interviews mit 15 Physiotherapeutinnen.
Resultate: Die übergreifende Metapher während der CFT war das “Fahren mit Führerschein auf Probe» („Driving on P(probationary)-plates.“) der Patienten. In den Interviews zeigten sich vier Themen als besonders wichtig: Den Veränderungsprozess des Patienten zu begleiten („Sharing the journey of transformational change“), die neuen Kompetenzen zu verfeinern („Refining new competencies“), die Komplexität des Patienten zu steuern („Navigating patient complexity“) und eine Balance zwischen Patientenbetreuung und Studienanforderungen zu finden („Balancing patient care with trial-related processes“).
Kommentar (A. Kiss): Eine spannende Reise von der traditionellen Physiotherapie zu einer «individualised person-centred biopsychosocial intervention». CFT wird in der Schweiz zunehmend in der Physiotherapieausbildung gelehrt (z.B. https://www.bfh.ch/de/weiterbildung/kurse/p4p-kognitive-funktionelle-therapie/) und in physiotherapeutischen Praxen angeboten.
Mehr infosUmbenennung unseres Fachgebietes?
«Psychosomatic Medicine» ist seit Jahrzehnten die führende Zeitschrift für das Fach Psychosomatik. Im Januar 2025 wurde sie in «Biopsychosocial Science and Medecine» unbenannt.
Interpretation: Die Namens-Änderung wurde vermutlich durch die Ansicht motiviert, dass der Begriff „psychosomatisch“ oft zu eng verstanden wird (auf «Psychogeniziät» reduziert) und dadurch potenziell negativ konnotiert sei, während der neue Titel dem modernen, breiteren biopsychosozialen Verständnis des Fachgebiets entspricht.
Kommentar (A. Kiss): Meiner Auffassung nach wäre der Begriff Psychosomatik in der Medizin und der alte Titel der Zeitschrift weiterhin gerechtfertigt. Was ist Ihre Meinung?
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